Ganzheitliche Förderung von Anfang an

Veröffentlicht am: 22.05.2018 | von: Sybille Kirchner | Kategorie: Aktuell

Ab auf den Reiterhof“, hieß es an einem sonnigen Frühlingstag und ich durfte als Berichterstatterin wieder einmal teilnehmen beim therapeutischen Reiten auf dem Pferdehof „Pferdestärken“ in Rastatt. Ein Bus brachte die Schüler/innen der Klasse 2/3 der Augusta-Sibylla-Schule – SBBZ Lernen

 

– ihre Klassenlehrerin, die Motopädin der Schule, eine junge Frau im Freiwilligen Sozialen Jahr und drei Schüler/innen der Oberstufe auf den Reiterhof. Von Frau Freyer, der Chefin auf dem Pferdehof – sie ist Reitlehrerin und Sozialpädagogin – wurden sie bereits erwartet. Zu Beginn versorgten immer zwei Kinder ein Pferd.

Die Tiere wurden gestriegelt, die Hufe wurden

ausgekratzt, Streicheleinheiten wurden ausgeteilt und ein Pferd wurde mit einem geflochtenen Pferdeschwanz verschönert. Auf dem Gelände durchliefen alle Kinder verschiedene Stationen: Turnen auf dem Holzpferd, auf dem „richtigen“ Pferd sitzen und geführt werden, durch einen kleinen Parcours das Pferd lenken und das Voltigieren. Die jugendlichen Oberstufenschüler/innen fungierten als Assistenten. Sie erfüllten ihre Aufgabe behutsam, ausdauernd und verantwortungsvoll. Schon die Stimmung auf dem Hof förderte das Gemeinschaftserleben und schaffte eine entspannte Atmosphäre. Auch die Kinder, die sich anfänglich vorsichtig den Pferden genähert hatten, trauten sich auf dem Pferd zu sitzen.

Beim Voltigieren wurde in die Hände geklatscht und die Zügel losgelassen, sich groß gemacht, auf dem Pferd gekniet, mit und ohne Festhalten. Unter Jauchzen baten einige Kinder Frau Freyer darum, dass das Pferd schneller laufen sollte. Zum Abschluss verwöhnten die  Kinder die Pferde mit Karotten. Ich erlebte zwölf mutige Kinder, die mit viel Freude lernten. Gut nachvollziehen konnte ich, dass die Klassenlehrerin nach den eineinhalbstündigen Einheiten auf dem Reiterhof positive Auswirkungen im Schulalltag erlebt. Sie berichtet von günstigem Einfluss auf die sozialen Kompetenzen, Stärkung der Klassengemeinschaft und der Teamfähigkeit, bessere Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und wachsendem Selbstvertrauen.

Als Fördergemeinschaft der Augusta-Sibylla-Schule in Rastatt ist uns die frühe Förderung der Grundstufenschüler/innen ein sehr großes Anliegen. Individuelle Förderung, Entwickeln von Gemeinschaftsfähigkeit und eine solide Grundlage für die schulische Laufbahn sind die Ziele für die lernbeeinträchtigten und vulnerablen Kinder. Schule und Fördergemeinschaft haben dazu ein Konzept entwickelt und stetig fortgeschrieben. Alle Schüler/innen der Grundstufe sind seit fast 14 Jahren in die motopädische Förderung durch Conny Ballerstaedt einbezogen. Seit mehr als 6 Jahren fahren die Jüngsten der Schule zusätzlich zum Reiterhof. Das Reiterhofprojekt, anfangs von der Schulsozialarbeiterin initiiert und ins Laufen gebracht, wurde später von Frau Ballerstaedt übernommen und perfektioniert.

Die Motopädie behandelt psychomotorische Leistungs- und Verhaltensauffälligkeiten. Ihr Ansatz ist die Bewegung und sie nutzt die Wechselwirkungen zwischen dem Körper in Bewegung und der Psyche des Menschen. Im Umgang mit den Pferden kommt ein Lebewesen dazu, auf das sich die Kinder einlassen müssen. Rücksicht nehmen, unmittelbare Reaktionen bekommen und Körperkontakte erleben erweitern die Arbeit mit Geräten und Materialien. Im Umgang mit den Pferden werden alle Sinne angesprochen. Alle Muskeln und Gelenke kommen in Bewegung. Inneres Gleichgewicht und neue Bewegungsmuster finden, sind weitere Effekte. Wenn die Eltern ihr Einverständnis dazu geben, testet Frau Ballerstaedt die jüngsten Schüler/innen mit einem standardisierten Testverfahren (BOT-2) zur Messung der motorischen Fähigkeiten von Kindern. In der Motopädie und auf dem Reiterhof kann sie damit noch gezielter auf einzelne Kinder und die Klasse als Gruppe eingehen.

Entstanden ist so ein ganzheitliches, ressourcenorientiertes Förderprogramm, an dem alle Grundstufenschüler/innen mit viel Freude und großem Lerneifer teilnehmen. Ein Gewinn für alle Kinder ist die personelle Konstanz, nicht nur im Einsatz von geeigneten, fachlich kompetenten und förderlichen Übungen, sondern als verlässliche, mutmachende Bezugsperson.

Das Einbeziehen der Oberstufenschüler/innen gehört zum Gesamtprojekt. Sie übernehmen wichtige Aufgaben als Assistenten und üben sich in der Verantwortungsübernahme.

Die Motopädie in Verbindung mit dem therapeutischen Reiten ist ein Angebot der Fördergemeinschaft Freunde der Augusta-Sibylla-Schule e.V. Ein solches Angebot über Jahre zu finanzieren, bedeutet eine große Herausforderung für den Verein. Stiftungen halfen in den ersten Jahren, Aktionen wie Altpapiersammlungen oder Suppenverkauf auf dem Markt ergänzten. Ein Serviceclub, der Soroptimist-Club Murgtal e.V. übernahm die Finanzierung der Stunden auf dem Reiterhof für nunmehr drei Jahre, was für uns eine große Erleichterung bedeutet. Für die Buskosten kommt der Schulträger auf.

BT 28.07.18